Der Sammler

| | 0 Kommentare

Herr X. sammelte Fragen ohne Antworten. Zum Beispiel: Wohin verschwinden die Socken? Oder die Kugelschreiber?

Herr X. sammelte auch Worte und ihre Bedeutungen. Er liebte sie und archivierte sie. Nicht wie in einem Lexikon, sondern dass was er selbst dazu dachte oder herausfand. Dazu recherchierte er, dachte nach oder fragte die Menschen auf der Straße, beim Bäcker oder in der U-Bahn. Manche hielten ihn deswegen für einen Sonderling.

Manchmal brauchte er Tage, Wochen und Monate, bis er mit der Antwort zufrieden war oder aus den verschiedenen Antworten für sich den Extrakt gezogen hatte, die einzig mögliche Bedeutung, die Ur-Bedeutung sozusagen, die Essenz aller Bedeutungen.

Dann war er zufrieden und schrieb diese Essenz in ein kleines Buch, das in Leder eingebunden war, mit feinem Papier, fast wie Pergament und Goldschnitt.

... ein kleines Buch, das in Leder eingebunden war ....(c) prokop / photocase.com

Zum Beispiel das Wort Entdeckung. Das beschäftigte ihn den ganzen letzten Sommer. Was ist eine Entdeckung? Und was ist keine?
Man nimmt eine Decke von etwas, sagte ein kleines Mädchen in der Warteschlange an der Kasse im Supermarkt. Dann zog die Mutter es von ihm fort. Aha, dachte er, wie klug ist das Kind. Man nimmt eine Decke von etwas, was vorher nicht zu sehen war, weil die Decke darüber war. Aber man nimmt die Decke fort, weil man darunter etwas vermutet. Sonst würde man ja die Decke dort lassen.
Oder man nimmt die Decke aus anderen Gründen weg, überlegte er weiter. Etwa weil sie im Weg liegt und dort stört. Und siehe da! Unter der Decke liegt etwas. Das hat man dort nicht vermutet. Es war dort, aber es wurde nicht bemerkt.
So oder so, kam er zum Schluss: Entdeckt werden kann nur etwas, was da ist. Wirklich bemerkenswert.

 

Aufgrund verschiedener Ereignisse konnte er dann seine Studien im Sommer nicht fortsetzen. Außerdem musste er eine Reise auf die Insel Rügen machen, da war es dann schon Oktober. Es war ein besonders schöner Oktober, ein goldener, wie er ihn zuletzt in Moskau erlebt hatte, und das war schon über dreißig Jahre her. Da glänzten die Zwiebeltürmchen in der Sonne und selbst die Trabantenstädte strahlten freundlich und hell.

Herr X. war viel herumgekommen in der Welt. Als er noch reisen konnte. Jetzt ging das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr und auch seine Pension war knapp und die Zeiten waren ohnehin schlechter geworden. Blieb ihm Rügen einmal im Jahr oder auch zwei.

Erst im Winter nahm er sich sein Notizbuch wieder zur Hand und las, was er im Sommer zuvor geschrieben hatte. Dann notierte er weiter: Etwas ist da, aber keiner weiß es oder bemerkt es. Dann wird es gefunden und erhält einen Namen. Das ist dann eine Entdeckung.

Kann aber auch etwas entdeckt werden, was nicht da ist? Das war wieder so eine Frage, auf die es keine Antwort gab.

Zufrieden schrieb er die Frage in sein zweites Buch. Das war schon fast voll. Und jedes Mal, wenn er eine neue Frage ohne Antwort in sein Buch schrieb, dachte er: Wird dies die letzte Frage sein, bevor ich sterbe?

Und dann lachte er in sich hinein: Nun, auf diese Frage gibt es eine Antwort, nur werde ich sie nie erfahren.

.

.

.

Das Foto „Notizbuch – II“ hat prokop gemacht. Gefunden habe ich es bei www.photocase.com. Danke sehr!

Textistenzia im Mai

| | 0 Kommentare

Ich habe viel zu tun im Wonnemonat Mai:

  • Am 5. Mai bin ich an der TU Braunschweig zu Gast. Dort leite ich im Rahmen des Programms fiMINT einen eintägigen Workshop für Wissenschaftlerinnen zu dem Thema „Wissenschaftlich Publizieren – Fit für das Peer Review“.
    Inhalte
    des Workshops sind u.a.: Peer-Review-Verfahren: Ablauf, Dauer, Probleme; Anforderungen an wissenschaftliche Papers, Autorenrichtlinien; Aufbau, Struktur und Inhalte der Publikation; Aufbereitung von Daten in Wort und Bild; Zitierweisen und -regeln; Fragen zum Stil.
    Der Workshop ist ausgebucht; Anmeldungen sind nicht mehr möglich.
  • Ein Heimspiel habe ich dann am 20. Mai an der TU Berlin mit dem vierstündigen Workshop „Der Schreibprozess – Die wissenschaftliche Abschlussarbeit effektiv und effizient schreiben!“ Auch dieser Workshop ist komplett ausgebucht.
  • Meine Lehrveranstaltungen „Textlabor“ und „Wissenschaftliches Arbeiten für Studierende des Bachelorstudienganges Kultur und Technik – Berufsorientierung“ laufen natürlich weiter.
  • Außerdem schreibe ich wie immer: Blog-Beiträge, meine Dissertation (wächst langsam, aber stetig) und an der Rohversion zu einem Buch. Im Juli treffe ich meine Lektorin und möchte bis dahin etwas Substantielles vorweisen können.

Viel Spaß beim Lesen! Viel Spaß beim Schreiben!

zum Seitenanfang ↑